Sei doch mal achtsam! Und zeig mal Mitgefühl!

An Führungskräfte werden zunehmend komplexe Forderungen gestellt. War vor 50 Jahren die Leistung eines sicheren Arbeitsplatzes und einer regelmäßigen Gehaltserhöhung noch ein rundum Wohlfühlprogramm, so sollten es zum Jahrtausendwechsel schon Work-Life-Balance und Firmenfitness sein. Flexible Arbeitszeitmodelle, Homeofficelösungen, Elternzeiten und Sabbaticals spreizen die Forderungen weiter auf. Die Angestelltenmodelle werden immer individueller.

Auch in der Praxis der Paarberatung existiert diese Entwicklung. Waren vor 50 Jahren noch die meisten Ehen und Beziehungen in konservativen Strukturen, muss ich als Paarberater heute ganz genau nachfragen: Wohnt ihr zusammen? Wer erzieht die Kinder? Wer übernimmt welche Rollen? Seid ihr Mann-Mann, Frau-Frau, oder Frau-Mann?

Die Individualisierung der sozialen Systeme fordert eine konkrete Einstimmung auf das Individuum. Pauschalen Lösungsansätze wirken nicht mehr, jedes Paar und jeder Mitarbeiter braucht seine eigene Struktur. Wenn alte Standards und Strukturen nicht mehr gelten, müssen neue Pfade ausgetreten werden. Das fordert Zeit und Engagement. Neue Pfade sind meist langsamer. Bergen aber gleichzeitig neues Potential, neue Ideen und, im besten Fall, neue Lösungen, die wirksamer, passender und angenehmer für die Betroffenen sind.

Für das Austreten dieser neuen Strukturen, neuen Pfade sind derzeit zwei Fähigkeiten in aller Munde: Achtsamkeit und Mitgefühl. Worum geht es dabei?

Achtsamkeit

Unter Achtsamkeit verstehen wir die Fähigkeit einen Moment mit all seinen Eindrücken wahrzunehmen. Ohne diese zu bewerten. Ich achte darauf was ich sehe, höre, spüre, rieche, schmecke, wahrnehme, und nehme es einfach nur wahr. Ohne gleich eine Lösung parat zu haben.

Das kann ein Gespräch mit einem Mitarbeiter sein. Er beklagt sich, erzählt von seinen Sorgen, von seinen Ängsten oder seinem Ärger. Ich höre zu. Ich nehme wahr was mein Mitarbeiter zu sagen hat. Und lasse ihm die Zeit und den Rahmen sich auszudrücken. So dass er oder sie sich gehört und wahrgenommen fühlt. Das ist achtsam.

Mitgefühl

Unter Mitgefühl verstehen wir die Fähigkeit das Befinden von anderen zu verstehen. Ich kann mich in Deine Lage versetzen. Ich kann verstehen wie Du Dich jetzt fühlst. In oben genannten Beispiel könnte das bedeuten: Ich kann verstehen dass Du Dich ärgerst. Ich kann verstehen dass Du traurig bist.

Vorsicht, es bedeutet nicht dass ich fühle wie Du fühlst. Es geht nur um das Verständnis wie mein Gegenüber sich fühlt.

Die Fähigkeit zu Achtsamkeit und Mitgefühl ist nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt. Es sind Fähigkeiten wie viele andere auch, die mal stark und mal weniger stark abrufbar sind. Es gibt Menschen die spüren die Stimmung in einem Raum, einem Büro sofort. Diese Menschen haben feine, sensible Antennen, die wie ein Radar ständig Informationen liefern wie sich andere fühlen, wie sich eine Gruppe anfühlt, welche Stimmung gerade herrscht. Das ist einerseits eine großartige Fähigkeit. Andererseits auch eine Bürde, denn diese zusätzlichen Informationen müssen erstmal verarbeitet werden. Ein steter Anspruch an das eigene System diese Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen die verfügen über wenig Mitgefühl. Unsicherheit und Nervosität in berührenden Situationen, unpassende Kommentare sind oft ein Zeichen dafür. Wir wissen dass es Menschen gibt denen Mitgefühl völlig fehlt.

Wunsch und Realität

Die meisten Menschen wünschen sich ein mitfühlendes, achtsames Umfeld. Die anderen sollen meine Gefühle spüren, erkennen und darauf reagieren. Mich respektieren und achten, so wie ich bin. So wünsche ich mir mein Umfeld, meine Familie, meinen Partner, meine Kollegen. Eine wunderbare Vorstellung. Doch es gelingt nicht immer.

Es ist ein guter Ansatz von Vorgesetzten, Ehepartner oder Mitarbeiter Achtsamkeit und Mitgefühl einzufordern. Und es ist auch ein guter Ansatz zu wissen, dass es bei verschiedenen Menschen auf unterschiedlich fruchtbaren Boden fällt. Wer Mitgefühl einfordert, sollte es im gleichen Moment auch selbst leben: Ja, ich verstehe, ich muss es nochmal sagen bevor Du verstehen kannst wie ich mich fühle. Es würde mir helfen wenn Du Dich in meine Lage versetzt: was hättest Du getan?

Es wäre falsch eine Haltung einzunehmen die besagt: Du bist nicht achtsam genug, und in eine ablehnende Haltung zu gehen. Auch bei Achtsamkeit und Mitgefühl geht es darum sich auszudrücken. Gelingt es mir meine Gefühle und Bedürfnisse gut auszudrücken? Gelingt es mir so über mich zu sprechen, dass mein Gegenüber mich versteht?

Achtsamkeit und Mitgefühl kann so in zwei Richtungen geübt werden. Einerseits kann ich beide Fähigkeiten in meiner Beziehung, mit meinen Kollegen üben. Höre ich zu? Habe ich ein Ohr für die Befindlichkeiten der anderen? Kann ich verstehen wie es meinem Gegenüber gerade geht?

In die andere Richtung kann ich fragen: werde ich gehört? Habe ich das Gefühl mein Chef, mein Partner interessiert sich für meine Belange? Werde ich gehört?

Es deutet sich schon an: Ein Gleichgewicht ist gefragt. Zwischen dem was ich einbringe wenn ich zuhöre und dem wie andere mir zuhören. Zwischen dem wie ich wahrgenommen werde und dem wie ich andere wahr nehme.

Stimmt dieses Gleichgewicht für mich nicht kann ich es ansprechen: Ich habe das Gefühl ich werde nicht gehört. Ich habe das Gefühl meine Bedürfnisse werden übergangen.

So funktioniert Beziehung. Und so funktioniert Führung. Im immer wiederkehrenden Ausdrücken der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, und in der achtsamen und mitfühlen Kommunikation derselben.

Viel Spass dabei !

Wenn Du Lust auf mehr hast – Vielleicht ist ein Coaching genau das richtige für Dich. Schau doch mal rein.

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